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Welche Vorteile hat ethisches Design?


Selina Schuler & Anne-Marie Glausch

Unsere Welt ist komplex. Handlungen können zahlreiche beabsichtigte und unbeabsichtigte Auswirkungen haben. Selten sind diese Konsequenzen von vornherein komplett überschaubar. Als Designer:innen tragen wir allerdings die Verantwortung dafür, genau über mögliche Nebeneffekte unserer Schöpfungen nachzudenken und neben den direkten Kund:innen auch andere Menschen mitzubedenken, deren Leben durch unsere Designentscheidungen beeinflusst werden. Wie sich zeigen wird, kann sich die Berücksichtigung von ethischen Designprinzipien sogar auf vielen Ebenen auszahlen.

Die Verantwortung ethisch zu produzieren liegt natürlich nicht nur bei Designer:innen, sondern grundsätzlich bei allen, die an der Herstellung von Produkten oder Services beteiligt sind. Schließlich haben sie einen großen Einfluss darauf, ob die konzipierten Produkte wirklich helfen oder sogar eher negative Auswirkungen auf Umwelt und Menschen haben können. So könnten sie beispielsweise die Umwelt verschmutzen, natürliche Ressourcen ausbeuten, unserem Körper schaden, die Artenvielfalt dezimieren, unsere Psyche belasten oder uns sogar zu fremden Zwecken manipulieren.

Seit einiger Zeit wird diese Verantwortung auch mehr und mehr in der Gesellschaft thematisiert. Im Hinblick auf Umwelt und Nachhaltigkeit finden zum Beispiel die zur Herstellung verwendeten Materialien und Verfahrensweisen immer mehr Beachtung bei den Konsument:innen. Mit der Sorge um die menschengemachte Erderwärmung und der darauf reagierenden „Fridays for Future“-Bewegung sind solche Fragen noch einmal mehr in den Fokus der Politik und in die öffentliche Debatte gerückt.

Ethisches Design im IT-Kontext

Wir wissen inzwischen aber auch, dass nicht nur materielle Produkte gravierende Auswirkungen auf die Natur und die menschliche Gesundheit haben können: Ethisches oder unethisches Design ist auch im IT-Kontext brandaktuell. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Diskussionen um die Gefahren massenhafter Datenspeicherung und deren oft intransparente, aber gesellschaftlich folgenreiche algorithmische Auswertung. Hier ist eine Art Wettrüsten zwischen Gesetzgebung und mächtigen Tech-Konzernen zu beobachten. Langsam beginnen auch Nutzer:innen zu verstehen, dass scheinbar kostenlose Dienste in Wahrheit mit persönlichen Daten finanziert werden. Trotzdem haben sie nur eine schwache Ahnung davon, wozu Firmen solche riesigen Datenbestände verwenden und warum diese ihnen so viel wert zu sein scheinen.

Formate wie die Netflix-Doku „The Social Dilemma“ schocken mit der Erkenntnis, dass nicht nur persönliche Daten, sondern auch Aufmerksamkeit ein kostbares Gut darstellt – und das nicht nur für Werbetreibende. Tatsächlich sind viele Akteure daran interessiert, Einfluss auf das zu nehmen, womit sich Menschen gedanklich beschäftigen, da so ihr Verhalten beeinflusst werden kann. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Praxis, hierfür unsere sozialen Instinkte als Hebel zu verwenden, kommen erst nach und nach an die Oberfläche. Unklar ist, welche Folgen dies haben kann, aber man kann kaum mehr leugnen, dass wir es hier mit einer ernstzunehmenden Gefahr zu tun haben, die beispielsweise auch in der politischen Arena in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen kann.

Nicht zuletzt wird aber auch durch den massiven Energieverbrauch gigantischer Serverfarmen, die das Internet am Laufen halten oder wie er etwa auch beim Minen von Proof-of-Work Cryptowährungen wie Bitcoin anfällt, noch einmal deutlich, dass digitale Produkte keineswegs von der physischen Welt abgekoppelt sind. Deswegen ist es auch im IT-Bereich wichtig, sich mit den ethischen Implikationen der Produkte, an denen man mitarbeitet, zu beschäftigen. Aber wo anfangen?

Die Grundlagen von ethischem Design

Um die Frage zu beantworten, wie man ethisch designen kann, muss zuerst geklärt werden, was wir hier unter „Design“ verstehen wollen und was mit „Ethik“ gemeint ist. Unter Design verstehe ich hier ganz allgemein das Konzipieren, Gestalten und Herstellen von materiellen oder immateriellen Produkten oder Services. Gemeint ist hiermit nicht nur Design im engeren Sinne, sondern der gesamte Entwicklungsprozess.

Ethik ist normalerweise eine philosophische Disziplin und als solche die Wissenschaft von der Moral, also dem richtigen Handeln. In der Ethik wird zum Beispiel untersucht, wie man verschiedene moralische Grundsätze begründen kann. Gemeint ist mit ethischem Design also eigentlich moralisch wertvolles Design. In der Alltagssprache hat das Wort „Moral“ aber einen konservativen und bevormundenden Beiklang, den das Wort „Ethik“ nicht hat – was meiner Einschätzung nach auch der Grund ist, wieso lieber von „ethischem Design“ gesprochen wird.

Es lässt sich zusammenfassen, dass es bei ethischem Design um die Gestaltung von Produkten und Services geht, die auf irgendeine Art und Weise moralisch wertvoll sind. Doch wann etwas moralisch wertvoll ist, darüber gibt es in der Ethik verschiedene Theorien, von denen ich zwei sehr prominente stark verkürzt und und zugespitzt wiedergeben werde.

Pflichtethik

Nach der einen Sichtweise, die historisch von Immanuel Kant vertreten wurde, geht es bei der Frage, ob eine Handlung moralisch ist, einzig und allein um die innere Einstellung der Handelnden. Man könnte sagen: die ehrliche und ausschließliche Absicht, Gutes zu bewirken, indem man einem Prinzip folgt, von dem man rationalerweise wollen kann, dass es ein Gesetz wäre (auch wenn es keins ist), konstituiert eine moralische Handlung.

Diese Sichtweise hat zwei bekannte Nachteile. Zum einen ist die Anforderung an eine moralische Handlung extrem streng: Bei meiner Handlung darf mich allein das Gute motivieren, das ich dadurch anstrebe – nicht eventuelle Vorteile, die ich dadurch außerdem haben könnte. Diese Anforderung ist sehr unrealistisch, dazu müssten wir schon Engel sein. Zum anderen werden die wirklichen Konsequenzen einer Handlung vernachlässigt. Eine Handlung wäre auch dann noch moralisch gut, wenn ich trotz bester Absicht damit aus Versehen etwas sehr Schreckliches anrichte. Und das ist durchaus möglich, denn ich folge ja nur einem Prinzip, von dem es schön wäre, wenn es ein Gesetz wäre – unabhängig davon, ob es eines ist oder wie sich andere Menschen in der realen Welt dazu verhalten. Beispielsweise darf man nach Kant aus Prinzip niemals lügen, auch dann nicht, wenn man dadurch jemand Unschuldigen schützen würde, der ansonsten getötet wird. Die große Strenge, die Fixierung auf innere Einstellungen und die weitgehende Blindheit für komplexe Konsequenzen in der realen Welt machen diese Sichtweise moralischer Handlungen im Industriekontext eher unattraktiv.

Utilitarismus

Die andere Sichtweise von Moral oder Ethik, die der kantischen Pflichtethik klassischerweise gegenübergestellt wird, ist der Utilitarismus - zum Beispiel vertreten von John Stuart Mill. Hier werden bei der Bewertung einer Handlung als ethisch/moralisch wertvoll vor allem die resultierenden Konsequenzen berücksichtigt. Übertragen auf die Gestaltung von Produkten und Services wäre also ausschlaggebend, welche – vorhergesehenen und unvorhergesehenen – Folgen daraus entstehen – und weniger, welche Absichten verfolgt worden sind.

Diese Sichtweise von Moral ist etwas gnädiger und passt besser zu einer Qualifizierung von Design als Gestaltung von Produkten (im Unterschied etwa zu einzelnen Handlungen). Schließlich sind problemlos Produkte denkbar, die zwar aus reinem Gewinnstreben entstanden, aber dennoch sehr praktisch, umweltfreundlich, inklusiv und daher als ethisch wertvoll zu bewerten sind (etwa so wie Goethes Mephistopheles, der das Böse will und dadurch das Gute schafft). Das Umgekehrte ist auch kein Widerspruch: Designer:innen können mit den besten Absichten ein Produkt entwerfen, das in der Praxis ganz und gar unbeabsichtigte, schädliche Nebeneffekte aufweist (frei nach dem Motto: „gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“).

Bei ethischem Design nach diesem Verständnis kommt es darauf an, dass das entwickelte Produkt oder der Service möglichst positive Konsequenzen für eine möglichst große Anzahl von Menschen hat. Dies steht nicht im Widerspruch zum wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens, ganz im Gegenteil: Ethisch verantwortungsvolle Produkte verkaufen sich heute oft sehr gut, und ein allgemein größerer Nutzen für Kund:innen macht ein Produkt nur noch wertvoller und dadurch auch lukrativer.

Die Vorteile

Zum Glück ist es nach der utilitaristischen Sichtweise auch nicht „unethisch“, nach handfesten Vorteilen zu fragen, die moralisches Handeln im allgemeinen und ethisches Design im speziellen mit sich bringt. Und da ethische Entscheidungen ja auch, wie alles in der Geschäftswelt, irgendwie finanziert werden muss, möchte ich hier einige Vorteile auflisten, die ein Commitment auf ethisches Design für ein Unternehmen mit sich bringen kann.

1. Stärkung der Brand Identity und Kundenbindung

Es wird immer wichtiger, seine Brand so im Markt zu positionieren, dass sie Vertrauen und Glaubwürdigkeit weckt. Aspekte wie faire Produktionsbedingungen und positiver gesellschaftlicher Impact werden für Konsument:innen immer wichtiger. Ethisches Design zahlt genau darauf ein und kann die Kundenbindung stärken.

2. Kostenersparnis im Support

Wer von Anfang an fair und transparent mit Kund:innen kommuniziert, vermeidet Missverständnisse und senkt somit den Aufwand durch Anfragen beim Support. Ein Beispiel sind versteckte Kosten oder unbeabsichtigt abgeschlossene Abos, die natürlich zu frustration und besetzten Leitungen beim Kundenservice führen.

3. Minimierung von Legal Risks

Auch viele rechtliche Probleme können durch eine transparente Preisstruktur und faire Kommunikation vermieden werden. Das Ausnutzen von rechtlichen Grauzonen zahlt sich meist auf Dauer nicht aus und kann am Ende mehr Kosten verursachen, als es Gewinne einbringt.

4. Recruiting und Mitarbeiterbindung

Vor allem in der neuen Generation suchen Mitarbeiter:innen immer mehr nach einem Sinn und einem positiven Impact in ihrer Arbeit. Nicht mehr nur das Gehalt allein ist ausschlaggebender Faktor bei der Jobwahl, sondern zunehmend auch die persönliche Identifikation mit Unternehmen und Produkten. Eine ethische Grundhaltung kann sich als entscheidender Vorteil im „War for Talents“ herausstellen.

Fazit

Wir können Design dann als ethisch betrachten, wenn es positive Auswirkungen auf Menschen und Umwelt hat. Dann ist es kein Widerspruch, wenn die Maßnahmen auf andere Unternehmensziele einzahlen. Die Annahme, dass ethisches Design nicht zu finanzieren sei, stellt sich somit als Mythos heraus. Ganz im Gegenteil, lässt es sich sogar als Wettbewerbsvorteil nutzen.

Freitag, 21.05.2021

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