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Cargo-Kult und Agilität in der Unternehmenspraxis


Antonia Wetzler

Stand-Ups, Sprint-Reviews, gemütliche Sitzsäcke, Sofas für eine entspannte Unterhaltung und bekannte agile Methoden, wie Scrum. All diese Begriffe lassen uns an agil arbeitende Unternehmen denken. Spotify wird da häufig als Paradebeispiel genannt. Immer mehr scheint der Begriff Agilität als Buzzword unserer Zeit verwendet zu werden - einer Zeit, in der wir erkannt haben, dass eine sich ständig ändernde Umwelt und neue Herausforderungen, flexiblere und effizientere Wege brauchen, um ans Ziel zu gelangen. Alt bewehrte Wege, wie die funktionale Teilung und die zentrale Steuerung, bringen hingegen nicht mehr den Erfolg, wenn es darum geht, dass ein Unternehmen nur noch mit Innovation überleben und vorankommen kann.

Agilität ist Wendigkeit

Wir alle sprechen von Agilität, aber was heißt das genau? Früher verstand man unter Agilität, Projekt-Methoden in der Softwareentwicklung, die einen iterativen Entwicklungsprozess beinhalten und bestimmte Werte befolgen. Diese bestimmten Werte wurden im agilen Manifest festgehalten. Heute ist Agilität vielmehr eine Denkweise, auch agiles Mindset genannt, das Erfolg und Innovation durch schnelle und flexible Reaktionen auf Marktveränderungen ermöglicht. Es geht also darum flexibel und anpassungsfähig zu sein. Das heißt, umzusteuern, wenn sich neue Herausforderungen ergeben und sich auf neue Anforderungen einzustellen. Damit geht einher, dass gewohnte Prozesse nicht mehr den nötigen Erfolg versprechen und angepasst werden müssen. Nur so können Unternehmen kundenfokussiert handeln und am Markt erfolgreich sein.

Wie arbeiten agile Teams im Unternehmen?

Wenn wir von agil arbeitenden Teams sprechen, sprechen wir auch gleichzeitig von der Selbstorganisation und flachen Hierarchien. Wir sprechen von Teams, die selbstbestimmt Entscheidungen treffen können. Wir sprechen davon, Projekte in kleine Schritte aufzuteilen, sich dabei regelmäßig zu besprechen, sich Feedback einzuholen und zu geben, seine Arbeitsweise dahingehend anzupassen und vor allem sprechen wir vom regelmäßigen Testen und Hinterfragen. Agile Unternehmen bedienen sich dabei agiler Methoden, wie Beispielsweise dem Design Thinking, Lean Startup, dem Design Sprint, Kanban, OKRs oder SCRUM. Dabei erleben wir gerade, dass sich diese Vorgehensweise einzelner agiler Teams gegebenenfalls auf das ganze Unternehmen ausbreitet oder ausbreiten sollte.

Ein flexibles Arbeitsumfeld

Die Arbeitsplatzgestaltung agiler Unternehmen unterscheidet sich meist von der Arbeitsplatzgestaltung traditionell arbeitender Unternehmen. Man setzt nicht mehr darauf, dass jedes Teammitglied seinen eigenen, festen Arbeitsplatz haben muss. Vielmehr stehen dem Team unterschiedliche Orte zur Verfügung, die je nach Aktivitäten genutzt werden können. So gibt es Räume für Teamarbeit, aber auch Plätze für Arbeit, die man in Stille verrichten möchte oder Orte, die explizit für kreative Arbeit bestimmt sind. Konzepte wie Coworking oder komplettes remote arbeiten werden ebenso gerne genutzt. Doch nicht nur diese räumliche Gestaltung gehört zur Arbeitsplatzgestaltung agiler Unternehmen, sondern auch die starke Flexibilität und Möglichkeit die Arbeit an den Alltag anzupassen. Damit einher geht nicht nur eine zunehmende digitale Vernetzung, die es ermöglicht zu jeder Zeit und von jedem Ort aus zu arbeiten, sondern auch eine erhöhte Mitarbeiterzufriedenheit und eine verbesserte Balance zwischen Arbeit und Privatem.

So kommt es, dass kleine und mittelständische Unternehmen, Agilität größtenteils als zentrales Thema erkannt und etabliert haben. Aber auch bei Konzernen, steht die Neugestaltung von Büroräumen häufig auf dem Plan und sie bedienen sich agiler Methoden, wie Scrum und dem Design Thinking. Problematisch hierbei kann jedoch sein, dass auf der operativen Ebene, beispielsweise in den IT-Abteilungen, oft agil gearbeitet wird, das Verständnis von mittlerem Management und Top-Management jedoch nicht übereinstimmt bzw. dass das mittlere Management ein (Verständnis-) Problem der Agilitätsvorstellung des Top-Managements hat, das Top-Management jedoch genau weiß, was es hinsichtlich Agilität möchte.

Doch haben Unternehmen und Menschen durch diese Methodik und veränderte Rahmenbedingungen damit auch schon ein agiles Mindset? Oder wird hier gegebenenfalls ein Trend gehuldigt. In diesem Kontext sollte man sich einmal die Metapher des Cargo-Kults anschauen.

Cargo-Kult als Simulation von agiler Aktivität

Der Begriff Cargo-Kult ist eine Metapher. Doch wo kommt er her und was bedeutet er?

Entstanden ist der Begriff Cargo-Kult durch das Herüberschwappen von westlicher Technologie an die melanesischen Inseln im Süd Pazifik. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand dadurch eine religiöse Bewegung. Die Einwohner glaubten, dass die Güter, die per Schiff und Flugzeug auf die Inseln kamen, göttlicher Herkunft waren bzw. von ihren Vorfahren gesandt wurden. Sie entwickelten daraufhin Rituale, um sicherzustellen, dass die, so glaubten sie, von ihren Vorfahren gesandten Güter nicht von den weißen Männern gestohlen werden. Dazu fingen die Einwohner an, das Verhalten, aber auch Reliquien, wie ganze Flugzeuge und Tower, der weißen Männer zu imitieren. Das heißt, sie fingen an diese Flugzeuge und Tower zu bauen, in der Hoffnung, die gleichen Güter per Schiff und Flugzeug zu erhalten. Die gebauten Flugzeuge und Tower waren dabei aus Halmen und Bambus.

Cargo-Kult ist also eine Metapher für die Übernahme von bestimmten äußeren Merkmalen einer Idee und man hofft, dass durch die Übernahme der äußeren Merkmalen, positive Effekte eintreten. Doch genau genommen ist die reine Übernahme der äußeren Merkmale nur eine Simulation von Aktivität. Das heißt, man tut so, als ob man aktiv ist, indem man bestimmt Merkmale übernimmt, es in der Realität allerdings nicht ist. Auf den Punkt gebracht: Dieses imitieren von Ritualen ohne die grundlegenden Gründe und Folgen zu kennen, ist die Metapher, die hinter dem Begriff Cargo-Kult steht und lässt sich auf zahlreiche Situationen unserer heutigen Gesellschaft übertragen. So auch auf Agilität.

Agilität als gelebter Cargo-Kult

Agilität als Cargo-Kult? Damit ist gemeint, dass äußere Merkmale von Agilität, wie die Raumgestaltung, aber auch Bezeichnungen und Methoden übernommen werden. Es werden Tischkicker aufgestellt, statt Krawatte trägt man nun Hoodie und Jeans. Agile Methoden werden eingeführt, doch die eigentlichen Einstellungen und Sichtweisen der Menschen in der Organisation und den Teams ändern sich kaum bis überhaupt nicht. Projektmanager sind nun Product Owner, die sich trotzdem noch Erlaubnis von Höhergestellten einholen oder Reporting und Entscheidungsvorlagen für die Hierarchien erstellen müssen.

Eine echte Transformation hin zu einem agilen Unternehmen findet, wenn man genauer hinsieht, dabei allerdings nicht statt. Der Wandel wird sogar verhindert, weil das tiefere Verständnis für den Sinn der Methoden, das Mindset, und damit auch für die Delegation von Verantwortung sowie die dezentrale Entscheidungsfindung und das Vertrauen untereinander fehlt.

Doch Transformation, hin zu einem agilen Unternehmen, fängt bei den handelnden Menschen an. Wenn wir Agilität in einem Unternehmen einführen möchten, dann bedarf es eines tiefgreifenden und ganzheitlichen Verständnisses von Agilität. Je nachdem, wie gut die handelnden Menschen diesen Inhalt von Agilität verstehen, durchläuft jedes Unternehmen seine eigene Evolution. Wird Agilität nur auf die Form, also das Äußere reduziert, wie Beispielsweise bei der reinen Gestaltung von kreativitätsfördernden Räumen, so hat dies etwas kulthaftes. Man hofft, dass dann dadurch die positiven Vorteile ganz von alleine eintreten. Doch als Folge dieser missverstandenen Agilität, treten nicht die durch die Maßnahmen erhofften Erfolge und die positiven Vorteile ein, die Agilität eigentlich mit sich bringen soll.

Ein weiteres Beispiel, dass über die Raumgestaltung als Ausdruck von Agilität hinausgeht, ist die Koexistenz von mehreren, sich teils widersprechenden Modellen, die in manchen, so scheint es, besonders großen Unternehmen in der Praxis, beispielsweise in Konzernen, gelebt werden. Beispielhaft hierfür wäre, wenn agile Methoden in einigen Teams, beispielsweise der IT-Abteilung, Anwendung finden, in anderen allerdings das klassische Wasserfallmodell eingesetzt werden oder gar agile Methoden über das Wasserfallmodell gestülpt werden. Soll heißen: Unternehmen, verwenden zwar in einigen Abteilungen agile Methoden, doch die Produktentwicklung selbst arbeitet mit dem Wasserfallmodell und der Product Owner kann im Team keine selbstständigen Entscheidungen treffen. Die Folge: Es kommt nicht wirklich das dabei raus, was rauskommen könnte. Man könnte es quasi als Pseudo-Agilität beschreiben.

Fazit

Agilität kann ein Cargo-Kult sein. Muss es aber nicht. Wenn Agilität richtig verstanden und eingesetzt wird, sprich das richtige Mindset existiert, ist Agilität eine Denkweise, die Erfolg und Innovation fördert.

Unternehmen, die zwar die Zeit für Veränderung erkannt haben, aber dennoch versuchen über den ‘einfachen’ Weg Transformation zu erreichen, müssen abgeholt werden, um Stück für Stück echten Wandel herbeizuführen. Denn diese haben die Notwendigkeit nach Veränderung erkannt und damit den ersten Schritt in die Zukunft gemacht.

Diese Veränderung muss allerdings ganzheitlich stattfinden, damit die gewünschten Erfolge eintreten können. Dazu gehört es, an der Wertebasis und einem tiefgreifenden Verständnis für Gründe und Folgen von Agilität zu arbeiten, also zu verstehen, wie agile Teams arbeiten. Kurz gesagt: Es müssen die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden, um agil zu sein. Das heißt auch, dass es Zeit benötigt, damit die handelnden Menschen verstehen und lernen, dass sie mit einer anderen Vorgehensweise, wenn sie mutig sind Veränderung zuzulassen und genug Vertrauen durch ihr Arbeitsumfeld bekommen, gemeinsam erfolgreicher sind. Schlichte Raumveränderungen und der Einsatz von agilen Methoden selbst greifen dabei nicht tief genug, können aber Teil des (Verständnis-) Prozesses sein, wenn man den Mut fasst, den nächsten Schritt zu gehen.

Hier noch etwas Material zum Nachlesen:

Qualitätsmanagement versus Agilität in IT-Unternehmen von Astrid Ringbauer im Springer Verlag 2017

Prototyping: Generating Ideas oder Cargo Cult Designs von Lars Erik (2005)

Arbeit 4.0 – Konzepte für eine neue Arbeitsgestaltung in KMU von Dominic Lindner, Thomas Ludwig und Michael Amberg (2018)

12.11.2020

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